Wer diese Woche zufällig am Chemieunterricht der 8. Klassen vorbeigekommen ist, traute seinen Augen kaum: Statt Reagenzgläsern und Schutzbrille standen dort Rührschüsseln und Muffinformen bereit. Mittendrin waren die G8a und G8b gemeinsam mit Frau Meller. Was auf den ersten Blick nach einer Schulstunde Hauswirtschaft aussah, war in Wahrheit purer Chemieunterricht, nur eben mit Mehl, Eiern und Backpulver statt mit Chemikalien.
Bereits zum zweiten Jahr in Folge verlegen einige 8. Klassen ihren Chemieunterricht kurzerhand in die Küche, um eines der grundlegenden Konzepte der Chemie ganz praktisch zu erfahren: die Bedeutung von Massenverhältnissen. Denn was in der Chemie über die Zusammensetzung von Reaktionsprodukten entscheidet, gilt im Kleinen auch beim Backen: ändert sich das Verhältnis der Zutaten, ändert sich das Ergebnis. Manchmal dramatisch.
Muffins am Montag, Cookies am Dienstag
Den Auftakt machte am Montag die G8b und entschied sich für Muffins. Die G8a zog am Dienstag nach und wählte Cookies. Beide Klassen starteten gleich: Zunächst wurde ein ordentlicher Grundteig nach Originalrezept hergestellt, sozusagen als Kontrolle. Doch dann begann der eigentlich spannende Teil des Experiments.
Die Schülerinnen und Schüler bekamen den Auftrag, einzelne Teigportionen gezielt zu manipulieren, also bewusst die Massenverhältnisse einzelner Zutaten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein ganzes Ei zu viel hier, eine ordentliche Portion Backpulver zu viel dort. Mal war es Salz, mal Öl, mal Mehl. Alles, was man zu Hause beim Backen tunlichst vermeiden würde, war hier nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Das wurde mit spürbarer Begeisterung ausgenutzt.
Die Ergebnisse: Von köstlich bis katastrophal
Was aus dem Ofen kam, hielt, was das Experiment versprochen hatte und manchmal noch etwas mehr. Natürlich war dafür gesorgt, dass am Ende jede Schülerin und jeder Schüler auch einen ganz normalen, gelungenen Muffin oder Cookie in der Hand hielt. Die manipulierten Varianten hingegen sorgten für Staunen, Lachen und vereinzelt auch für etwas Ekel.
Die Bilder sprechen teilweise für sich: klebrige, im Kern noch rohe Muffins und Cookies, die einem mit einem einzigen Biss den Salzhaushalt des Tages durcheinanderbrachten. Einige mutige Kreationen fielen im Ofen schlicht in sich zusammen oder, noch eindrucksvoller, liefen über die Bleche und sorgten damit für eine Reinigungsaktion, die ebenfalls zum Lernerfolg des Tages beitrug.
Doch nicht alle Abweichungen führten ins Verderben. Zu viel Zucker? Zu viel Schokolade? Zu viele Streusel? Die Achtklässlerinnen und Achtklässler zeigten sich hier erstaunlich tolerant und urteilten, dass es davon eigentlich gar nicht genug geben könne. Besonders bemerkenswert: Cookies mit einem Ei zu viel mutierten zu einem verblüffenden Hybrid aus Cookie und amerikanischem Pancake. Nicht mehr ganz eindeutig zu identifizieren, aber nach einhelliger Meinung: essbar, und zwar sehr gerne.
Die Chemie dahinter
Und genau da steckt die eigentliche Lektion. Was in einem echten Chemieexperiment bei falscher Zusammensetzung eine Katastrophe bedeuten könnte, war hier im schlimmsten Fall ein schiefer Geschmack oder ein Blech, das geschrubbt werden musste. Aber die Parallele ist unübersehbar: Reagieren dieselben Stoffe in unterschiedlichen Mengenverhältnissen miteinander, können dabei völlig verschiedene Produkte entstehen. Der Hybrid-Cookie ist dabei ein wunderbares Beispiel für gleiche Zutaten, anderes Verhältnis und damit anderes Produkt.
Die Klassen haben mit diesem Projekt erneut bewiesen, wie lebendig Chemie sein kann, wenn Fachwissen und Alltagserfahrung zusammenkommen. Sie zeigten durchweg ein positives Feedback für Naturwissenschaften, die man ausnahmsweise probieren darf. Und nun wissen sie auch: Das Massenverhältnis ist kein abstraktes Konzept aus dem Lehrbuch, es ist der Unterschied zwischen einem perfekten Muffin und einem Etwas, das man lieber nicht benennen möchte.
Autorin: Frau Meller



